G. E. Lessing: Emilia Galotti

Das Ganze begann auf einem Hofball bei den Grimaldis, an dem Emilia zusammen mit ihrer Mutter teilnahm. Dort trafen sich Emilia und der Prinz (zufällig). Die Beiden haben sich gut zusammen unterhalten. So wurde die Liebe zu Emilia im Prinzen geweckt.
Die Vermutung, dass sich der Prinz in sie verliebt hat, wird in I/4, beim Auftritt des Malers bestätigt. Er ist von ihrer Schönheit so angetan, dass er, als er von ihrer bevorstehenden Hochzeit hört, - blind vor Liebe - Marinellis Plan zustimmt, wonach die Hochzeit mit allen Mitteln verhindert werden soll. Aus diesem Grund gibt er ihm (anfangs) uneingeschränkte Vollmachten. Er selber hingegen will - ohne vorher darüber nachzudenken - „seine" Emilia sofort sehen und beschließt, sie in der Kirche zu treffen, da er weiß, daß sie die Gewohnheit hat, jeden Sonntag die Messe zu besuchen.
Unüberlegt stürzt er los und untergräbt damit sämtliche Pläne Marinellis. Dieser, mit Marinelli nicht abgesprochene Gang in die Kirche ist der gravierendste und irreparable Fehler des Hettore. Denn wenn er Emilia in der Kirche nicht seine Liebe gestanden hätte, hätte weder Emilias Mutter noch die Gräfin Orsina davon erfahren und niemand wäre auf die Idee gekommen, den Prinzen des (vorgetäuschten) Überfalls zu verdächtigen.
Die Reaktion Emilias auf das Liebesgeständnis Hettores ist typisch für sie. Sie gibt ihm weder eine klare Absage, noch geht sie auf ihn ein. In ihrer tugendhaften Naivität hofft sie darauf, dass der Prinz meint, sie würde sein Geständnis nicht hören. Mit dieser Reaktion bringt sie den Prinzen aber nur dazu, zu hoffen, dass er Emilia noch für sich gewinnen könne, da er keine klare Absage erhalten hat.
Den nächste Schritt in Richtung Katastrophe ist der Beschluß Emilias und ihrer Mutter, Appiani, ihrem Verlobten, nichts vom Geständnis des Prinzen wissen zu lassen. So begibt sich dieser, ohne gewarnt zu sein auf den Weg zur Kirche. Die beiden Frauen wissen nämlich nicht, dass Appiani mit Marinelli auf sehr schlechtem Fuß steht.
Je näher man an den Schluß kommt, spitzen sich die Ereignisse zu. Besonders schicksalhaft ist in V/6, dass der Vater schon am Abgehen ist, als Emilia auftritt. Wäre sie nur eine Minute später gekommen, hätte sie Odoardo nicht mehr vorgefunden, und sie wäre eventuell nicht auf den Gedanken gekommen sich zu erstechen bzw. sich erstechen zu lassen. Dieser Aufritt ist bezeichnend für die Dramaturgie des Stückes. Es ist wieder nur einer dieser, ja man kann sagen, so winzigen Zufälle, die den Leser oder den Zuschauer schier zur Verzweiflung bringen, obwohl Emilia ja nichts dafür kann, dass sie ein bißchen zu früh kommt. Aber genau das gibt dem Stück dieses Schicksalhafte. Man wird sich bewußt, dass trotz aller Möglichkeiten, die sich bieten, die Katastrophe unvermeidlich ist.
Emilia wird sich bewußt, dass sie ihre Ehre und damit auch diejenige der Familie, nur retten kann, wenn sie stirbt. Als der Vater ihren Selbstmord verhindert, klagt sie, dass er sie nicht vor der Schande retten will. So provoziert sie ihren leicht erhitzbaren Vater so sehr, dass dieser dann doch zum Dolch greift. Mit dieser Bitte bzw. Provokation läßt sie allerdings auch ihren Vater zugrunde gehen. Emilia scheint uns ein bißchen naiv. Sie war, Zeit ihres Lebens wahrscheinlich, sehr unselbständig. Die Eltern entschieden für sie, begleiteten sie überall hin und behüteten sie stark. Dies zeigt sich z.B. am Anfang des 2. Aufzuges, als Odoardo sich über den Verbleib Emilias besorgt zeigt: "Wo ist Emilia ?" - "Sie ist in der Messe (...)." - "Ganz allein ?" - "Die wenigen Schritte (...) ?" - "Einer ist genug zu einem Fehltritt!"